Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten auf Google Earth

Plötzlich fallen mir in der schwülen Ereignislosigkeit des Monats August Henry Millers Wendekreis-Romane und eine rororo Monographie ins Auge. Henry Miller! Dieser große Lehrmeister des Von-der-Hand-in-den-Mund-Lebens! Großes Vorbild hinsichtlich des Ausprobierens ungewöhnlicher Stellungen (Sex) und Anstellungen (Job)! Wie geht’s eigentlich Henry Miller, heute, da jedes sechzehnjährige Fräuleinwunder deftiger schreibt als er? Was treibt er eigentlich so, heute, am 6. August 2015, im Internet?

Der Amerikaner deutscher Abstammung wohnte an wechselnden Orten. Unvergessen sein Aufenthalt von 1934 bis 1939 in der Villa Seurat 18, einer Sackgasse im 14. Arrondissement in Paris. Hier klapperte seine Schreibmaschine ohne Unterlass. Auf Google Earth ist nur ein grau-weißes, dreigeschossiges Gebäude zu erkennen, dessen Fensterläden im Erdgeschoss geschlossen sind. Keine Praxisschilder, kein Paartherapeut oder Sexologe, der sich hier, welch coup commercial! niedergelassen hätte. Noch nicht einmal ein Sextoyladen oder, warum nicht, eine esoterische Buchhandlung: denn beklagte sich Miller nicht in späten Jahren, dass es immer nur um das Eine ging, wenn seine Leistung als Schrifsteller beurteilt wurde? Offengestanden bin ich schon so weit, daß ich, wenn ich auch nur das Wort Sex höre, am liebsten meinen Revolver nehmen möchte, um mich zu verteidigen und schreien: „Vernichtet den Sex!“ Nicht etwa, dass ich das wirklich wünschte, aber die Diskussionen darüber, die wünsche ich wirklich zum Teufel. Ich hab’s satt, ja wirklich satt, daß das immer die erste und die letzte Frage ist, die man mir stellt (in: Meine Jugend hat spät begonnen. Dialog mit Georges Belmont).

Die Geister, die er rief. Der Schriftsteller steht für sein Thema oder seine Figuren wie der Schauspieler zu seiner Rolle: häufig verwachsen sie. Nur wenige sind so offen wie Gustav Flaubert mit seinem immer wieder zitierten Ausspruch: Madame Bovary, c’est moi. Die meisten weisen feingeistig auf den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit hin. Wir, das Publikum, nicken, als hätten wir es begriffen. Fiktion und Wirklichkeit, genau.

Zurück zu Henry Miller und seiner späten Malaise mit dem Sex. Man stelle sich den alten Horst Tappert in einer anderen Rolle als Derrick vor. Ist das möglich? Im Theater auf der Bühne, als König Lear, Baumeister Solness oder als Professor Bernhardi. Würde man sich als Zuschauer nicht fragen: ja aber was hat denn jetzt der Derrick mit dem Stück zu tun? Ermittelt der? Ist hier ein Mord auf der Bühne unter den Schauspielern passiert?

Insofern hätte Henry Miller ruhig etwas relaxen können. Das Label Sex ist nicht das schlechteste, was ihm anhaften konnte.

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Müll oder Vision

Der Libanon hat mal wieder mit seinem Müll zu kämpfen. Seit zwei Wochen türmt er sich meterhoch in Beirut und überzieht die Stadt mit einem süßlichen Geruch.

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Während der scheidende deutsche Botschafter im Libanon, Christian Clages, quasi als Abschiedsgeschenk dem Land anbietet, den Müll in Deutschland entsorgen zu lassen, schwingt sich der ebenfalls den Libanon verlassende englische Botschafter Tom Fletcher zu anderen Höhen auf. In seinem bewegenden Beitrag „So…Yalla, Bye“ zeigt er, dass er das Land nach vier Jahren noch nicht abgeschrieben hat. Es ist eine Mischung aus Vision mit einer kleinen dezenten Note Abschiedsschmerz. Was also tun? Das Land verlassen als erfahrener Pragmatiker, der sich noch um die Entsorgung des Mülls kümmert, wenn es der Libanon alleine mal wieder nicht schafft? Oder als junger Diplomat – Fletcher ist gerade mal vierzig Jahre alt – eine Vision stiften, die die Libanesen zu Hause und in der Diaspora bewegt und sogar wünschen lässt, er möge doch Präsident des kleinen Landes werden (geht übrigens nicht: Fletcher ist nicht Maronit, wie in einem Kommentar mit Bedauern festgestellt wird. Und er ist auch nicht Libanese, oder nur ein bisschen).

Wie immer also: keine Lösungen, nur neue Diskussionen und Ansätze und Konflikte. Aber irgendwie wird es schon gehen. In letzter Sekunde. Schließlich wird auch der Müll wieder abgeholt werden: Nase zu und durch!

Insofern ist alles beim alten: vor dem Müll ist nach dem Müll. Für die, die bleiben oder gerade erst ankommen heißt das: Welcome to Lebanon!

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